Text 01  26.02.2010

 

Allmählich belichtet

Jüdische Fotografen im Exil

Von Milan Chlumsky

 

            „Verheerend“ nannte Georg Heinrich Hemmerich  die Ausbildung der professionellen Fotografen – im Mai 1899 in der Allgemeinen Photographen-Zeitung. Der Fotohändler war ein glühender Verfechter des Piktorialismus, eines fotografischen Stils „à la mode“, der gute handwerkliche Fertigkeiten und Kenntnisse in der Handhabung verschiedener chemischen Prozesse voraussetzte. Dies war jedoch eher die Ausnahme. Kein Wunder, dass den 29-jährigen Hemmerich die Mittelmäßigkeit der meisten fotografischen Arbeiten störte. Er kritisierte jedoch nicht nur, sondern handelte, und gründete 1900 in München die Lehr- und Versuchanstalt für Fotografie.  Sie hatte innerhalb kurzer Zeit Schüler nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Österreich, Ungarn, Tschechien und aus anderen slawischen Ländern. Einige von ihnen, darunter auch Frauen, bestimmten später maßgeblich die Fotografie des 20. Jahrhundert bestimmten: František Drtikol, Germaine Krull, Lotte Jacobi, Helmut Gernsheim und Peter Keetman sind die herausragenden Absolventen vor dem zweiten Weltkrieg.  Auch eine ganze Reihe jüdischer Studenten wurden hier ausgebildet.

Alfons Himmelreich, Efrem Ilani und Jakob Rosner sind drei Münchener Fotografen, die an der Anstalt studierten oder im Umkreis der Münchener Illustrierten ihre Karrieren begannen. Ihnen widmet jetzt das jüdische Museum eine bemerkenswerte Ausstellung. Ihr fotografisches Werk schufen sie hauptsächlich in den 1930er und 1940er Jahren in Palästina – mit „exotischen“ Motiven. Bemerkenswert ist die Schau aber auch deswegen, weil sie in ihrer neuen Heimat sämtliche  „häuslichen Rezepte“ übernahmen, die vor allem das „Neue Sehen/Neue Sachlichkeit“ in der Fotografie und in der Bildenden Kunst  in den 1920er Jahren charakterisierten.

            Alfons Himmelreich (1904-1993) emigrierte im November 1933 nach Palästina. Er ahnte, dass der Boykott der elterlichen Textilgroßhandlung nur der Anfang schlimmerer Verfolgung sein würde. In Palästina arbeitete er zunächst als Zimmermann, später wurde er erfolgreicher Werbe- und Industriefotograf, wobei die Art seiner Fotografie in der Klarheit und sorgfältigen Ausleuchtung  der Komposition nach wie vor den Prinzipien des „Neuen Sehens“ folgte. Seine „freien“ Arbeiten in der neuen Heimat aus dem Zeitraum um 1939 bis 1945 sind spannende Dokumente des Alltagslebens aus Tel Aviv. Erst 1982, mit 78 Jahren, gab Himmelreich sein Studio in Tel Aviv auf.

            Jakob Rosner, 1902 in München geboren, kam als Werbeleiter des Schuhhauses Leiser in Berlin zur Fotografie. Während seines Studiums in Frankfurt (wo er auch 1926 promovierte) schrieb er Artikel für die Frankfurter Zeitung. Während einer Reise nach New York machte er Bekanntschaft mit Alfred Stieglitz – sein Weg zur Fotografie wurdedadurch bestimmt. 1936 konnte er nach Palästina emigrieren, eröffnete ein Studio für Werbegrafik und begann – meist als Auftragsfotograf – Broschüren und Plakate zu entwerfen. Daneben dokumentierte er beispielsweise den Aufbau des Landes sowie die jüdische Einwanderung nach Palästina. Keine 48 Jahre alt, starb Rosner infolge einer Sepsis.

            Der dritte Fotograf ist der in Stuttgart geborene Fritz Olonetzky (1910-1999), dessen Vater russischer Staatsbürger war. Deshalb durfte Efrem Ilani (wie er sich später nannte) kein Studium an der Kunstakademie in Stuttgart beginnen, denn nach damaligem Recht war er staatenlos. Er ging 1929 nach München und arbeitete in der Forschungsabteilung des Agfa-Kamera-Werks. Mit Hilfe der Briten gelang es Ilani, ein Einreisevisum für Palästina zu bekommen. Er arbeitete dort zunächst für die britische Mandatspolizei, dann beschloss er nach 12 Jahren, freier Fotograf zu werden: fasziniert vom Fortschritt im Aufbau des Landes, hielt er in unzähligen Porträts die Protagonisten dieses Aufbaus fest. 1977 beendete ein schwerer Unfall seine Kariere.

            Dies sind nur drei Schicksale von mehr als 40 Fotografen, die zwischen 1900 bis 1938 in München tätig waren, und deren Fotografien den zweiten Weltkrieg überdauerten. Im Heidelberger Kehrer Verlag ist zu dieser Ausstellung ein vorzüglicher Katalog erschienen, der zum ersten Mal deutlich macht, wie breit und vielschichtig die Wirkung der jüdischen Fotografen seit 1900 war. Man würde ebenso gut Beispiele in anderen Städten finden, etwa Trude Kahn aus Frankenthal, die an der Münchener Fotoschule studierte, bevor sie nach Frankenthal zurückkehrte, um sich der künstlerischen Fotografie zu widmen. 1936 zog sie in das kunstliebende Mannheim um, drei Jahre später emigrierte sie nach Kolumbien, wo sich ihre Spur verliert. Der Metropol-Region Rhein-Neckar würde eine ähnliche Recherche, zum Beispiel im Rahmen des Fotofestivals, gut zu Gesicht stehen.

(„Unbelichtet, Münchener Fotografen in Exil, Jüdisches Museum München, bis 23.5., informativer Katalog im Kehrer Verlag , 36 Euro, Infos: www.juedisches-museum-muenchen.de)

Rossner, Einwanderer im Hafen von Haifa, 1945 (Repro: Dr. Milan Chlumsky)

/Erschienen am 13.3./